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Die eigene Hochzeit: Der schönste und unangenehmste Tag meines Lebens

Meine Hochzeit war gleichzeitig der schönste und unangenehmste Tag meines Lebens. Warum? Weil ich einmal mehr versucht habe, gesellschaftlichen Normen zu entsprechen, die mir zutiefst widerstreben. Obwohl ich sehr früh die Frau gefunden habe, mit der ich mir absolut sicher war, habe ich viele Jahre gebraucht, um diesen Schritt überhaupt zu gehen.

Ein geerbtes Bild der Ehe?

In meiner Jugend hatte ich niemals vor zu heiraten. Eigentlich hatte ich nicht einmal die Absicht, jemals eine Beziehung einzugehen. Die bloße Vorstellung, nicht mehr frei tun und lassen zu können, was ich möchte, hat mich massiv abgeschreckt.

Dieses negative Bild haben mir meine Eltern vorgelebt und stetig bestätigt. Beide waren in ihrer Ehe extrem unglücklich. Jeder verbog sich für den anderen. Dennoch dauerte es quälende 13 Jahre meines Lebens, bis sie sich endlich trennten. In meinem Kopf verankerte sich der feste Glaube, dass Paare sich ohnehin irgendwann trennen oder ihre eigenen Träume für den anderen aufgeben müssen.

Braucht Liebe ein gesellschaftliches Konstrukt?

Wie das Leben aber so spielt, kam es völlig anders. Ich fand meine Frau. Unser Zusammenleben war von Beginn an liebevoll, harmonisch und voller gemeinsamer Interessen. Wir waren viele Jahre glücklich zusammen, aber die Hochzeit blieb aus.

Für mich war die Ehe lange Zeit nur ein künstliches, von der Gesellschaft erfundenes Konstrukt. Ein bloßer Eintrag auf einem Stück Papier oder in den Datenbanken der Ämter. Ich brauchte dieses Papier nicht, um meine Liebe zu leben oder zu beweisen. Gleichzeitig wusste ich aber, dass meine Frau diesen Wunsch aus ihrer eigenen Jugend zwar offiziell abgelegt, tief im Inneren jedoch sehnsüchtig darauf gewartet hat. Und ich erkannte, dass mich dieser Schritt nichts kosten würde und es nicht schlimm ist, ihn zu gehen.

Warum fiel mir die Planung so schwer?

Neben dieser Erkenntnis standen mir jedoch zahlreiche andere Zweifel im Weg. Wie stellt man sich eine Hochzeit vor? Wo findet sie statt und wer ist dabei? Ich hatte stets das Gefühl, wir hätten zu wenig Freunde und Bekannte. Von meiner Familie ist ohnehin fast niemand mehr da. Ich stellte mir das Fest anfangs riesig vor und dachte, wir müssten deshalb noch warten.

Dabei geht es bei der eigenen Hochzeit eigentlich nicht um andere Menschen. Man muss niemandem gerecht werden und sich nicht verbiegen. Der Schritt zum Heiratsantrag war dann ein unglaublich emotionaler und echter Moment. Ich hatte ihn lange geplant und eine persönliche Rede entworfen. Ich stellte die Frage in absoluter Zweisamkeit bei uns zu Hause und freute mich unbändig über ihre positive Antwort.

War ich wirklich zu introvertiert für mein eigenes Fest?

Wir entschieden uns letztendlich für zehn Gäste in einer schönen Stadt. Wir reservierten Plätze in einem Kaffeehaus und später für abends ein Restaurant. Und an diesem Punkt stand mir meine vermeintliche Schüchternheit und Introvertiertheit massiv im Weg. Dies war vermutlich auch der größte ausschlaggebende Punkt, warum ich so lange mit der Hochzeit gewartet habe. Es kostete mich unglaubliche Kraft, überhaupt über diesen Tag nachzudenken und im Mittelpunkt zu stehen.

Letztendlich bin ich mir heute jedoch gar nicht mehr sicher, ob ich wirklich so introvertiert bin. Ich habe diese Eigenschaft sehr oft mit reiner Abneigung verwechselt. Der Tag war vermutlich deshalb so extrem anstrengend, weil mir manche Gäste einfach fremd waren. Es fehlte die echte, vertraute Bindung. Wir hatten Menschen eingeladen, die wir eigentlich nicht dabei haben wollten, sondern bei denen wir glaubten, sie einladen zu müssen. Flüchtige Bekannte nahmen an unserem intimsten Tag teil, nur weil wir das Gefühl hatten, Plätze füllen zu müssen.

Das meine ich mit der fatalen Erfüllung gesellschaftlicher Normen. Wir versuchten, den Tag für uns erträglich zu planen und trotzdem das Umfeld miteinzubeziehen. Wir suchten einen Mittelweg. Im Nachhinein war genau das ein Fehler.

Wie viele Emotionen darf man zulassen?

Wir hätten unsere Hochzeit so verbringen sollen, wie es bei meinem Heiratsantrag war. Nur wir zwei in absoluter Vertrautheit, gemeinsam mit dem Standesbeamten. Sogar bei der Kleidung ließen wir uns reinreden und entschieden uns gegen unseren ursprünglichen Wunsch doch für den klassischen Anzug und das Hochzeitskleid.

War nun alles schlecht? Nein, natürlich nicht. Es war der unglaublichste, emotionalste und überwältigendste Moment, den man sich vorstellen kann. Zunächst wirkte ich sehr abgeklärt und entspannt. Doch als der Augenblick näher rückte, stieg die Aufregung. Als meine baldige Frau zu unserer ausgesuchten Musik den Raum betrat, konnte ich mich kaum noch halten. Ich versuchte krampfhaft, mich zusammenzureißen. Das ist mir auch zu achtzig Prozent gelungen. Ein paar Tränen flossen und ich zitterte am ganzen Körper.

Heute macht mich genau das traurig. Ich hätte meine Emotionen so gerne vollständig zugelassen. Doch mit all den Leuten im Hintergrund fühlte ich den Zwang, meine Gefühle zu dämpfen. Aus demselben Grund hielt ich auch keine Rede. Meine Frau übernahm das glücklicherweise. Aber auch das bereue ich heute. Ich liebe es eigentlich, Reden zu schreiben und zu halten. Heute weiß ich, dass ich das vor den exakt richtigen Leuten auch vollkommen frei getan hätte.

Die fehlende Erleichterung und eine späte Erkenntnis

Der Tag ging seinen Weg. Ich bin vor allem unseren Trauzeugen unfassbar dankbar, die uns unterstützt und viel mitorganisiert haben. Auch das sind die leuchtenden, positiven Momente, die in Erinnerung bleiben.

Als der offizielle Teil des Tages vorbei war, hoffte ich auf pure Erleichterung. Doch die blieb aus. Wir waren selbst in dieser Nacht nicht allein, da wir noch Gäste mit zu uns nach Hause nahmen. Wir hätten uns so sehr gewünscht, diese Nacht nur für uns zu haben, und ein Hotel für die Gäste wäre die eigentlich angemessene Wahl gewesen. Stattdessen hielten wir die Fassade einfach weiter aufrecht.

Die wirkliche Befreiung spürten wir erst am nächsten Tag. Da startete unsere erste große Reise nach Thailand. Im Flugzeug fiel endlich alles von uns ab, denn wir waren endlich nur zu zweit.

Erst heute, nach meiner Therapie und vielen Monaten der Reflexion, verstehe ich die harte Lektion dieses Tages. Meine eigene Hochzeit war der ultimative Beweis dafür, dass das krampfhafte Erfüllen fremder Erwartungen immer die eigenen emotionalen Reserven plündert. Ich blicke heute nicht mit Groll auf diesen Tag zurück, auch wenn ich mit meinem jetzigen Wissen vieles anders gemacht hätte. Man ist hinterher immer schlauer. Aber wenn wir wollen, feiern wir nun jeden Tag Hochzeit. Nur zu zweit.

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